Man ist, was man isst! -Evidenzbasiertes Konzept zur herzgesunden Ernährung

Donnerstag, 8.12.2022
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Das von „Der Mensch ist, was er isst“ abgewandelte Zitat stammt von Ludwig Feuerbach (1840 – 1872) und ist doch so wahr. In welchem Kontext Ernährung und Herzgesundheit stehen, erklärt Dir unser Experte Prof. Dr. med. Uwe Nixdorff vom European Prevention Center.

Die eigentliche Pandemie mit den Folgen erhöhter Krankheitslast und eingeschränkter Prognose stellt nämlich heute das Übergewicht und die Adipositas dar, die mittlerweile auch in der sog. Dritten Welt Einzug erhalten hat. Diese wird gewöhnlich mit dem Body Mass Index (BMI) gemessen: Körpergewicht geteilt durch Körpergröße zum Quadrat (daher physikalische Einheit: kg/m²; Abb. 1; 1). Dennoch sind andere Messungen der sog. Anthropometrie sinnvoller und auch näher an der Krankheitsverursachung dran; insbesondere der Taillenumfang (den Sie sich heute Abend beim Zubettgehen einmal mit einem Zentimetermaß messen sollten): < 80 cm bei der Frau und < 94 cm beim Mann verbürgen sich für die besten prognostischen Aussichten (2). Der Taillenumfang korreliert direkt mit dem krankmachenden viszeralen Fett (Bauchfett), dass Interleukine und Zytokine (Entzündungsmediatoren) produziert, die die Arterienwände zur Atherosklerose (Wandverdickung und -verkalkung mit den Folgen eines Herzinfarktes; siehe Blog „Kommt der Herzinfarkt wir aus heiterem Himmel?“) veranlassen. Gesunde Ernährung mit Vermeidung des Bauchfettes ist immer antientzündlich; man spricht auch von silent inflammation (stille Entzündung, die man gar nicht wahrnimmt). Fast die Hälfte der Sterblichkeit durch Herzkreislauferkrankungen und ebenfalls die Hälfte des Auftretens von Diabetes sind durch gezielte Gewichtsabnahme zu verhindern (3).

Graphische Darstellung des Zusammenhangs von Risikoquotient

Abb. 1. (aus (1)). Graphische Darstellung des Zusammenhangs von Risikoquotient (all-cause mortality) und Übergewicht gemessen anhand des BMI aus 19 prospektiven Studien, die 1,46 Millionen weiße Erwachsene im Alter von 19 bis 84 Jahren umfassen. Übergewicht und Adipositas (scheinbar auch weniger häufig Untergewicht) sind lebensgefährlich; der günstigste Bereich liegt zwischen 20 – 25 kg/m².

Was es absolut zu vermeiden gilt, weil es um Vieles risikoträchtiger ist als die einzelnen Risikofaktoren für sich, ist das sog. Metabolische Syndrom. Nach der International Diabetes Federation (3) ist dieses neben dem o.g. erhöhten Taillenumfang durch erhöhte Triglyzeride (Neutralfette); erniedrigtem HDL-Cholesterin (das gute, protektive Cholesterin); erhöhter Blutdruck und (Prä-)Diabetes definiert (4). In letzter Zeit wurden dahingegen die TOFIs bekannt („thin outside – fat inside“), die auch mit schlechter Prognose einhergehen: Es handelt sich um bewegungsarme Menschen, die durch ungünstige Diäten Gewicht zu halten versuchen.

Wenn man sich in Internet und Regenbogenpresse über Diät („diaita (griech.) = Lebensführung, Lebensweise) zu orientieren versucht, so ist das ein schwieriges, ggf. nicht zielführendes Unterfangen. Die z.T. heilsversprechenden Methoden entbehren oft wissenschaftlichen Grundlagen, z.T. sind sie hinsichtlich der oben erwähnten Hintergründe inadäquat. Die auf der Waage purzelnden Pfunde sind oft nur einige Kilogramm Wasser (ungesund im Sinne der Exsikkose) oder Muskulatur (ebenfalls ungesund, da für den Stoffwechsel mit Verbrennung von Zucker und Fetten benötigt).

Weiterhin ist heute ein Paradigmenwechsel der sinnvollen Ernährung (5,6) eingetreten, der wissenschaftlich damit zu tun hat, dass frühere sog. Observationsstudien (Beobachtungsstudien) von prospektiven, randomisierten, kontrollieren Studien abgelöst wurden. Frühere, vermeintliche Erkenntnisse mussten in den letzten Jahren als falsch entlarvt werden. Wesentlich betrifft dies z.B. die von Kardiologen früher gepriesene Verdammung fettreicher Ernährung oder von Eiern. Evidente Erkenntnis heute: Es gibt sehr günstige (mehrfach) ungesättigte Fette, wie z.B. die Omega-3-Fettsäuren in fettreichen Fischen, die sogar protektiv und damit empfehlenswert sind. Zweitens zeigen große Metaanalysen, dass gesättigte Fette zumindest nicht schädlich sind. Nein, es sind vielmehr die Kohlenhydrate mit hoher glykämischer Last (also Zucker-artigen Kohlenhydrate, etwa Süßigkeiten, aber auch Brot, Pasta etc.), die durch die sog. „Insulinfalle“ (Insulin wird immer mehr gebildet und transferiert immer mehr Zucker in die Zellen) das Übergewicht in Gang setzen. Durch einen Stoffwechselprozess, die sogenannte inverse Betaoxidation, wird das o.g. viszerale oder Bauchfett angelagert. Dies war unter evolutionären Gesichtspunkten einmal in der Steinzeit sinnvoll (wir haben immer noch Steinzeitgene), denn ein „Reservepolster“ für weniger üppige Zeiten wurde immer auch wieder benötigt und aufgebraucht. Heute steht dem der durchgehende Zugriff auf den Kühlschrank entgegen, der unheilvolle Mastprozess findet kein jähes Ende.

Graphische „Ernährungspyramide“ einer sinnvollen Kohlenhydrat-reduzierten (low carb) Ernährung

Abb. 2. Graphische „Ernährungspyramide“ einer sinnvollen Kohlenhydrat-reduzierten (low carb) Ernährung, die von Prof. Dr. N. Worm nach Prof. Dr. David Ludwig, Harvard University, modifiziert dargestellt ist.

Was zum Schluss noch erwähnt werden muss: Bestand behalten hat über nunmehr einige Jahrzehnte die mediterran orientierte Ernährung, insbesondere auf der Grundlage von viel Obst, Gemüse und Salaten (7). Auch das Glas Rotwein darf dabei ruhig nicht fehlen und birgt protektive Effekte, nämlich ein bis zu 25% geringeres Auftreten von Herzinfarkten (8).

Diese evidenten Erkenntnisse zur gesunden Ernährung fügen sich ganzheitlich in die 2 weiteren Lebensstilsäulen von Bewegung und Entspannung ein, ergänzen diese sozusagen in einem Gesamtkonzept (wozu jeweils weitere Blogs vorgesehen sind). Zu Allem existieren heute wissenschaftliche Belege, sodass das Feld nicht mehr selbsternannten, einseitigen „Gesundheitsaposteln“ überlassen werden muss und der geneigte Leser sich hinsichtlich seiner maximalen Lebenserwartung als auch -qualität verlässliche Orientierung geben lassen kann.

In diesem Sinn: Bleiben Sie gesund und vital!

Soweit für heute und voller Lebensfreude bis zum nächsten Mal …

Ihr

Prof. Dr. med. U. Nixdorff, F.E.S.C.

Internist, Kardiologe, Sportmediziner

Professor Dr. med. Uwe Nixdorff ist Experte für Herzerkrankungen. Der Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Kardiologie und Sportmedizin ist ärztlicher Geschäftsführer und Gründer des European Prevention Centers (hier geht’s zur Website) sowie ärztlicher Geschäftsführer von Hanako Health (hier geht’s zur Website). 
Referenzen
  1. Berrington de Gonzales A, Hartge P, Cerhan JR, et al. Body-mass index and mortality among 1.46 million white adults. N Engl J Med 2010; 363:2211-9
  2. Yusuf S, Hawken S, Ounpuu S, et al. INTERHEART Study Investigators. Obesity and the risk of myocardial infarction in 27,000 participants from 52 countries: a case-control study. Lancet 2005; 366:1640-9
  3. Li G, Zhang P, Wang J, et al. Cardiovascular mortality, all-cause mortality, and diabetes incidence after lifestyle intervention for people with impaired glucose tolerance in the Da Qing Diabetes Prevention Study: a 23-year follow-up study. Lancet Diabetes Endocrinol 2014; 2:474-80
  4. Alberti KG, Zimmet P, Shaw J. Metabolic syndrome–a new world-wide definition. A Consensus Statement from the International Diabetes Federation. Diabet Med 2006; 23:469-80.
  5. Regeln weitreichend überarbeitet. Deutsches Ärzteblatt 2017; Jg. 114; Heft 38; 1698-9
  6. Mente A, Dehghan M, Rangarajan S, et al. Association of dietary nutrients with blood lipids and blood pressure in 18 countries: a cross-sectional analysis from the PURE study. Lancet Diabetes Endocrinol 2017; 10:774-87
  7. Conlin PR, Chow D, Miller ER 3rd, et al. The effect of dietary patterns on blood pressure control in hypertensive patients: results from the Dietary Approaches to Stop Hypertension (DASH) trial. Am J Hypertens 2000; 13:949-55
  8. Ronksley PE, Brien SE, Turner BJ, et al. Association of alcohol consumption with selected cardiovascular disease outcomes: a systematic review and meta-analysis. Brit Med J 2011; 342:d671