Burnout – Das unterschätzte Risiko?

Montag, 9.10.2023
Autor: Jörg Weitz
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Das Thema "mentale Gesundheit" wird immer relevanter in unserem zunehmend stressigeren Alltag. Viele Menschen sind erschöpft und fühlen sich ausgebrannt – leiden unter Burnout. Damit es dazu erst gar nicht kommt ist es hilfreich, die Anzeichen zu erkennen und vorzubeugen. Unser Experte Jörg Weitz zeigt Dir in diesem Beitrag Wege aus dem Burnout auf und geht auch auf die Rolle der Angehörigen ein.

In der heutigen schnelllebigen und stressigen Welt ist das Thema Burnout allgegenwärtig. Immer mehr Menschen fühlen sich ausgebrannt, überfordert und leer. Laut Statista-Veröffentlichung vom 20.09.2023, zählte die AOK 2021 durchschnittlich 6 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1.000 Mitglieder aufgrund einer Burn-out-Diagnose. Damit hat sich die Diagnosehäufigkeit im letzten Jahrzehnt drastisch erhöht.

Auch das Krankheitsvolumen dieser Diagnosegruppe ist zuletzt deutlich gestiegen: waren es 2005 noch 13,9 Krankheitstage registrierte die AOK 2020 durchschnittlich 141,8 AU-Tage je 1.000 Mitglieder. Hochgerechnet auf alle gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten ergeben sich daraus für 2021 rund 194.000 Burn-out-Betroffene mit kulminierten 4,8 Millionen Krankheitstagen.

Das 12 Phasen-Modell

Der Begriff „Burnout“ wurde erstmals in den 1970er Jahren vom amerikanischen Psychiater Herbert J. Freudenberger geprägt. Sein Modell beschreibt die Entwicklung des Burnouts in 12 Phasen. In diesem Beitrag werden wir uns mit den einzelnen Phasen des Burnouts befassen, die Auswirkungen auf den Betroffenen untersuchen und Wege aufzeigen, wie man dem Burnout vorbeugen und ihn überwinden kann. Darüber hinaus betrachten wir auch die Rolle der Angehörigen und wie sie mit einer an Burnout erkrankten Person umgehen können.

1. Phase: Der übertriebene Ehrgeiz

Die erste Phase ist gekennzeichnet durch einen übersteigerten Ehrgeiz und eine hohe Leistungsbereitschaft. Der Betroffene ist motiviert und möchte sich beweisen. Oft werden hier bereits die ersten Warnsignale wie Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme ignoriert.

2. Phase: Verstärkter Arbeitseinsatz

In dieser Phase steigert der Betroffene seinen Arbeitseinsatz und vernachlässigt andere Lebensbereiche wie Familie, Freunde oder Hobbies. Der Fokus liegt ausschließlich auf der Arbeit. Die ersten körperlichen Symptome wie Müdigkeit und Erschöpfung werden spürbar. Es stellt sich ein Gefühl der Unentbehrlichkeit ein.

Work-Life-Balance: Ein Mann sitzt hinter einem Café-Fenster und arbeitet am Laptop. Er trinkt dabei Kaffee. Darstellung Work-Life-Balance
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3. Phase: Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse

Der Betroffene beginnt, seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu ignorieren. Er setzt sich unter Druck, um den Erwartungen gerecht zu werden. Das soziale Umfeld bemerkt möglicherweise erste Veränderungen im Verhalten. Hier kann es bereits zum Mehrkonsum von Kaffee, Aufputschmitteln oder z.B. Zigaretten kommen.

4. Phase: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen

In dieser Phase versucht der Betroffene, Konflikte zu vermeiden und negative Emotionen zu unterdrücken. Probleme werden nicht mehr konstruktiv gelöst, sondern verdrängt. Die Erschöpfung wird immer stärker spürbar. Fehlleistungen, wie z.B. das Vergessen von Terminen, nicht erledigen von versprochenen Aufgaben und Ungenauigkeiten nehmen zu. Hobbies werden aufgegeben.

5. Phase: Umdeutung von Werten

Struggling With Occupational Stress
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Der Betroffene zieht sich zunehmend aus sozialen Aktivitäten zurück und zeigt Verhaltensänderungen wie Reizbarkeit, Gereiztheit und Antriebslosigkeit. Auch können hier Probleme mit dem Partner / der Partnerin entstehen.

Private Kontakte, die als belastend und störend empfunden werden, werden gemieden. Abstumpfung und Aufmerksamkeitsstörungen sind bemerkbar.

6. Phase: Verstärkte Verleugnung der aufgetretenen Probleme

Der Betroffene hat das Gefühl der mangelnden Anerkennung, was zu Desillusionierung führen kann. Der Widerstand, täglich zur Arbeit gehen zu müssen, wächst – es beginnt eine Arbeitszeiteinstellung, die als „innere Kündigung“ bezeichnet werden kann: Vermehrte Fehlzeiten, verspäteter Arbeitsbeginn und vorverlegter Arbeitsschluss sind wahrnehmbare Indikatoren.

7. Phase: Rückzug

Beim Betroffenen stellen sich Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit ein – Ohnmachtsgefühle und innere Leere sind typisch in dieser Phase. So kann es durch Ersatzbefriedigungen durch Essen, Alkohol, Spielen, usw. kommen.
Die kognitive Leistungsfähigkeit nimmt weiter ab, was zu Ungenauigkeiten, Desorganisation oder Entscheidungsunfähigkeit führen kann. Es kommt zu psychosomatischen Reaktionen, Gewichtsveränderungen, Herzklopfen und Bluthochdruck.

8. Phase: Beobachtbare Verhaltensveränderung

Der Betroffene verliert sich in Selbstmitleid, Einsamkeit und versucht Dinge mit sich selbst auszumachen. Auf gut gemeinte Zuwendung aus dem privaten Umfeld trifft oftmals Verärgerung.

Die Arbeitsinitiative wird verringert, es findet ein Dienst nach Vorschrift statt. Das soziale Leben verflacht durch Gleichgültigkeit und dem Gefühl der Sinnlosigkeit. Dies zeigt sich z.B. durch fehlende persönliche Anteilnahme an anderen, Meidung beruflich-sozialer Kontakte – aber gleichzeitig auch exzessiver Bindung an einzelne Personen.

Endlich Frühling: Mann sitzt müde an einem Schreibtisch
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9. Phase: Depersonalisation

In dieser Phase entfremdet sich die Person immer mehr und verliert sich selbst. Es stellt sich das Gefühl des Abgestorbenseins und eine innere Leere ein. Dinge werden über ein „automatisiertes Funktionieren“ abgearbeitet – die psychosomatischen Reaktionen treten noch mehr und augenscheinlicher in den Vordergrund.

10. Phase: Innere Leere

Die innere Leere wird immer stärker spürbar. Es findet ein Wechsel zwischen starken schmerzhaften Emotionen und dem Gefühl des inneren Abgestorbenseins statt. Der Betroffene verliert das Interesse an allem, was ihn einst begeistert hat. Es kommt zu phobischen Zuständen, Panikattacken und Angst vor Menschen zum Vorschein – die Einstellung zum Leben ist extrem negativ. Fallweise kann es zu exzessiven sinnlichen Befriedigungen kommen, wie z.B. Kaufräusche oder Fressattacken, ohne eine wirkliche Befriedigung dabei zu erlangen.

11. Phase: Depression und Erschöpfung

Aufgewühltes Bett vor nasser Fensterscheibe.
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Die Depression wird dominierend in diesem Zyklus. Der Betroffene fühlt sich hoffnungslos, traurig und antriebslos. Der Alltag wird zur Herausforderung, und der Gedanke an Arbeit löst Ängste aus.

Es besteht ein starker Wunsch nach Dauerschlaf und es herrscht dabei eine existentielle Verzweiflung. In dieser Phase können Selbstmordgedanken und Selbstmordabsichten auftreten.

12. Phase: Völlige Burnout-Erschöpfung

In dieser Phase befindet sich die betroffene Person in einem lebensgefährlichen geistigen, körperlichen und emotionalen Erschöpfungszustand. Das Immunsystem ist angegriffen und es kann zu Herz-Kreislauf und / oder Magen-Darm-Erkrankungen kommen. Es besteht eine hohe Selbstmordgefahr.

Zusammenfassung

Diese 12 Phasen für sich selbst oder bei anderen Personen zu erkennen, kann nützlich dabei sein, um hilfreich unterstützend sein zu können, wie man mit der jeweiligen Situation umgeht. Bei diesem Phasen-Modell müssen sich nicht eindeutig alle Phasen eindeutig zeigen, da diese auch ineinander übergehen können oder diese sich überlappen können.

Die ersten drei Phasen können situativ immer mal wieder auftreten, was grundsätzlich nicht zwingend problematisch sein muss, wenn dies nur temporär der Fall ist. Sollten diese über einen längeren Zeitraum andauern, so könnte eine Beratung oder ein Coaching durchaus sinnvoll sein, um alternative Strategien erarbeiten zu können, um mit der Situation besser umgehen zu können.

Je weiter fortgeschritten sich die Person in den jeweiligen Phasen befindet, desto professioneller und spezieller sollte die externe Hilfe gewählt sein. Könnte z.B. in den ersten drei Phasen eine Unterstützung durch Beratungsstellen oder Coachings ausreichend sein, empfehle ich persönlich in den weiteren Phasen die Hilfe und Unterstützung durch psychotherapeutische Maßnahmen und ärztlichen Behandlungen.

Prävention und Behandlung

Um einem Burnout vorzubeugen, ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und Grenzen zu setzen. Regelmäßige Pausen, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Work-Life-Balance sind entscheidend. Zudem kann der Austausch mit Kollegen und die Nutzung von Entspannungstechniken wie Meditation und Sport helfen.

Für die Angehörigen ist es wichtig, einfühlsam und unterstützend zu sein. Sie sollten den Betroffenen ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und ihm bei der Suche nach geeigneten Therapeuten oder Beratungsstellen zur Seite stehen. Ein offenes Gespräch über die eigenen Beobachtungen und Sorgen kann ebenfalls hilfreich sein.

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Fazit

Der Burnout ist ein ernstzunehmendes Thema, das in unserer Gesellschaft immer präsenter wird. Das Freudenberger-Modell zeigt die verschiedenen Phasen des Burnouts auf und verdeutlicht die Notwendigkeit einer frühzeitigen Prävention und Behandlung. Durch die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, das Setzen von Grenzen und den Austausch mit anderen können wir dem Burnout entgegenwirken. Die Unterstützung und das Verständnis der Angehörigen sind dabei von großer Bedeutung.

Solltest Du dich gerade in einer hier thematisierten Lebenssituation befinden und brauchst Hilfe, hast Du hier eine erste Anlaufstelle:

Deutsche Depressionshilfe

Telefonseelsorge
0800/11 10 111

Jörg Weitz ist Inhaber der 3FACH ANDERS Coaching Systems. Als lizenzierter STRUCTOGRAM®-Trainer, wingwave®-Coach, Hypnosecoach und Fachberater für Stressbewältigung und Burnout-Prävention gilt er als Experte für Persönlichkeitsentwicklung, für die Arbeit mit dem Unterbewusstsein und für den Bereich der mentalen Gesundheit. Sein Unternehmen wurde von Proven Expert aus 54.000 Unternehmen als „Top-Experte 2018“ in der Kategorie Coaching ausgezeichnet.
Hier geht’s zu seiner Website.