Stress: In der Ruhe liegt die Kraft – Stimmt das?

Mittwoch, 1.08.2018

Im Alltag geraten wir oftmals unter Stress. Wie Du am besten mit Stress umgehst, damit er Dich nicht krank macht, verrät Dr. Bernd Gimbel, KörperManagement® KG Bad Homburg.

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Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel: Digitale Transformation, mobiles Arbeiten, Industrie 4.0 etc. sind Begriffe, die diesen Wandel abbilden. Neben der Quantität steigen auch die Qualitätsansprüche an die Arbeit. Permanente Veränderungsprozesse fordern ein höchstes Maß an Flexibilität und lassen kaum noch Zeit, sich an Neues zu gewöhnen. Viele Tätigkeiten und Aufgabenbereiche, sogar ganze Berufszweige werden künftig wegfallen und von Maschinen und Robotern ersetzt.

Mit diesen Veränderungen kommen Menschen unterschiedlich zurecht. Die einen betrachten sie als neue Herausforderung, die anderen sind verängstigt. Sie empfinden diese als weiteren Stressor in ihrem Leben, ihr Stress steigt. Sie schaden damit ihrer psychischen (mentalen) Gesundheit, die dafür verantwortlich ist, dass wir das Leben genießen sowie Schmerzen, Enttäuschung und Unglück ohne Schäden überwinden können.

Stress fordert Energie

Damit Sie bei den Veränderungen Ihrer Arbeitswelt nicht „untergehen“ und frühzeitig vorbeugen können, möchte ich Ihnen erklären, wie Stressoren wirken. Stressoren sind Umweltreize und die Ursache von Stress. Sie veranlassen, dass Ihr Organismus in die Lage versetzt wird, zu kämpfen oder zu fliehen. Die Reaktionsmuster sind genetisch verankert und basieren auf einem komplexen Prozess Ihres Hormon- und vegetativen Nervensystems.

Vereinfacht ausgedrückt wird Ihr gesamter Organismus auf die Erbringung von Leistung programmiert. Die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen, Kohlenhydrate und Fette werden aktiviert, um ausreichend Energie zur Verfügung zu haben. Ihr Nervensystem wird auf Wachsamkeit programmiert. Alle Organe, die nicht an einer Leistungssteigerung beteiligt sind (Verdauungs-, Sexual-, Ausscheidungsorgane und das Immunsystem) werden runtergefahren.

Kurzzeitig macht das Sinn und hilft Ihnen zu überleben (sog. Eustress; positiver Stress). Langfristig allerdings bedeutet dies, dass Sie dauerhaft im Alarmzustand sind und nicht zur Ruhe kommen (sog. Disstress; negativer Stress). Der Dauerstress ist es demnach, der sich mit zunehmender Zeitdauer zu einem Burnout entwickeln kann und der in der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft zum Ausdruck kommt.

Leistungsfähigkeit braucht Ruhephasen

Damit Sie davon nicht betroffen werden, können Sie vom Leistungssportler lernen. Er würde niemals Champion werden, wenn er nur hart trainieren und Regenerationsmaßnahmen missachten würde. Deshalb sorgen Sie frühzeitig dafür, dass Sie eine Balance zwischen Belastungs- und Erholungsphasen in Ihrem Berufs- und Alltagsleben erreichen. Nur der Wechsel zwischen beiden Phasen sorgt für den Erhalt oder die Verbesserung Ihrer Leistungsfähigkeit. Dies ist ein biologisches Gesetz, dem alle Menschen unterliegen, egal ob sie Leistungssportler sind oder im Büro arbeiten. Mehr dazu lesen Sie auch in meinem Artikel „Fit für die Disziplin Büro-Alltag.“

Das Fazit daraus für Sie lautet:

Nutzen Sie nach intensiven Arbeitswochen die Wochenenden und den Urlaub zur Regeneration. 

Am besten in aktiver Form, indem Sie moderate Bewegung mit Ruhephasen kombinieren. Schalten Sie währenddessen von ihren beruflichen Problemen ab, damit sich Ihr Gehirn neu organisieren kann. Also keine beruflichen Telefonate oder Mails während den Erholungszeiten.

Vorbeugen ist besser als heilen

Bei Missachtung dieser biologischen Gesetzmäßigkeit kann Ihr Stresspotential soweit ansteigen, dass Ihre Kompensationsmechanismen nicht mehr ausreichen es auszugleichen. Gesundheitliche Problemen werden früher oder später die Folge sein. Deshalb stärken Sie frühzeitig Ihre Resilienz (psychische Widerstandfähigkeit), bevor die Stressoren schädigenden Einfluss auf Ihren Körper nehmen.

Wenn Sie bereits darunter leiden, dann analysieren Sie in Ruhe, was Sie, aus welchem Grund, in welcher Weise stresst. Wenn Sie sich darüber im Klaren sind, überlegen Sie, ob es eine andere, weniger belastende Bewältigungsstrategie gibt. Oftmals entscheidet die Perspektive der Betrachtung über die Wirkung in Ihrem Organismus.

Je besser Ihre Resilienz ausgeprägt ist, desto erfolgreicher werden Sie mit Ihren Stressoren umgehen. Bedenken Sie, dass bei einem hohen Stresslevel, der durch psycho-soziale Faktoren ausgelöst wird, eine schlechte Ernährung zusätzlichen Stoffwechselstress auslösen kann. Ebenso können sportliche Aktivitäten Stress bedeuten, wenn Sie sich damit überfordern. Dies bedeutet in Umkehr, dass eine gesunde Ernährung und moderate Bewegung zur Stärkung Ihrer Resilienz dienen.

Liegt nun wirklich die Kraft in der Ruhe? Ich meine nein, zu viel Entspannung ist genauso schädlich wie zu viel Belastung. In Wirklichkeit liegt deshalb die Kraft im Wechsel zwischen Belastung und Erholung.

Ich hoffe, Sie finden Ihre Balance, um den Belastungen des Alltags gesund Stand zu halten.

Bernd Gimbel © privat
Dr. Bernd Gimbel ist Gesellschafter der KörperManagement® KG. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesausschusses für Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund tätig. Derzeit lehrt er als Dozent an der Deutschen Fitnesslehrer Akademie und der Berufsakademie für Sport und Gesundheit in Baunatal. Zudem ist Dr. Gimbel Autor mehrerer Bücher über Körpermanagement.
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